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Über Videochat

oder warum das eine eher schlechte Idee ist.

TLDR;

nehmt lieber einen Audiogruppenchat!

In den letzten Tagen rede ich mit vielen Menschen darüber wie Meetings und Treffen über das Internet abgebildet werden können.

Viele suchen dabei eine Videochatlösung. Davon kann ich aus mehreren Gründen nur abraten. Warum?

Programme wie Skype, Zoom, Facetime etc. versprechen seit Jahren das alles fast schon magisch funktioniert. Als Marketingmaterial werden Bilder von lachenden hochauflösend videochattenden Models verbreitet. Kinder sitzen lachend auf dem Sofa und chatten mit den Großeltern. Anzug- und KostümträgerInnen sitzen am großen Konferenztisch und auf einem riesigen Bildschirm sitzen Gesprächspartner ganz so als ob es nur ein Glasfenster wäre.

Die Realität sieht anders aus. Oft klappt die Verbindung nicht, Kameras werden nicht erkannt, der Ton hakt und vom gegenüber ist nicht mehr zu sehen als ein kleiner Pixelhaufen. Auf dem geteilten Bildschirm ist nichts zu erkennen und die Konversation der TeilnehmerInnen beschränkt sich auf: “Hallo, hallo, kannst du mich hören?”

Warum ist das so?

  1. Die meisten Laptops haben mickrige Kameras eingebaut die weit unter 25 Bildern pro sekunde übertragen können. Das sieht dann mehr nach Daumenkino als nach Video aus. Zudem sind die optischen Eigenschaften der meisten Webcams schlecht, sodass in Kombination mit meist suboptimaler Beleuchtung der VideochatterInnen ein Haufen “Mondgesichter” miteinander reden, deren Mimik kaum zu erkennen ist.

  2. Eine gute (externe) Webcam verkompliziert die Sache. Diese haben oft ein eingebautes Mikrofon, was aber aufgrund seiner Größe keine allzugute Qualität bietet. Zudem ist die Webcam im Falle eines Laptops oft sehr nah an der Tastatur posotioniert, sodass diese entweder nicht benutzt werden kann oder alle TeilnehmerInnen mit einem lauten “TACK TACK TACK” vorm eindösen bewahrt werden. Bei einer Externen Webcam gibt es nun mehere Mikrofone und Kameras (intern, Klinkeneingang, extern - USB ). Verschiedene Audio- und Videoquellen optimal einzurichten ist schwierig und wird von den wenigsten beherrscht.

  3. Video frisst extrem viel Bandbreite. In Deutschland ist die Internetgeschwindigkeit lahm und viele besitzen asyncrone Anschlüsse, welche kaum Uploadgeschwindigkeit bieten. Der Upload wird aber benötigt um das eigene Bild zu den anderen zu übermitteln. Dazu kommen Verluste durch fürchterliche WLANS (Die Fritz!Box orgendwo im Flur, dann 3 Repeater auf dem Weg bis zum Sofa). Dann schauen PartnerInnen oder Kinder nebenbei Youtube, Netflix oder lassen irgendein Werbevideo laufen, was die Lieblingsnachrichtenseite freundlicherweise neben einem Textartikel im Autoplay laufen lässt. Yeah.

  4. Videosoftware ist in der Regel recht neu. Viele Anbieter kamen erst in den letzten Jahren auf den Markt. Etablierte freie Software und Standards gibt es auch kaum. Oft lese ich “experimentell”, “Beta”, “bekannte Probleme” usw. Kurzum, die Technologie ist nicht ausgereift und kaum für den Produktivbetrieb geeignet. Zudem fehlen in Gruppenchatlösungen manchmal Moderationstools, die in Textchatsystemen etabliert sind usw. Hinzu kommen teilweise schwerwiegende Sicherheitsprobleme

  5. Video frisst Rechenleistung, insbesondere wenn es im Browser funktionieren soll. Und genau das ist es ja was alle wollen. Nix installieren, einen Link an alle schicken und dann gehts los. Das verbraucht viel Leistung und hat dadurch mehrere Nachteile. Zum einen können leistungsschwächere Geräte nicht mithalten und liefern eine Diashow oder der Ton bricht ab, zum anderen geht bei Laptops der Lüfter an und der sitzt oft neben dem Mikrofon und was dann mit der Tonqualität passiert…naja ist absehbar :D

  6. Hohe Bandbreitenanforderungen, viel Rechenleistung…da war doch was mit dem Stromverbrauch und der Umwelt, was war das doch gleich…

  7. Aber ich beziehe mich ja nur auf Laptops, viele der Argumente greifen ja nicht bei Smartphones. Die haben gute Kameras und Mikrofone. Die Einrichtung ist einfach, also einfach das Smartphone nehmen und alles ist easy. Nö, weil kaum jemand ein Stativ hat. So filmen dann viele TeilnehmerInnen ihr Kinn. Der Mehrwert erschließt sich mir nicht.

  8. Die Kommunikation via Internet ist von vielen kaum erprobt. Verinnerlichte allgemeine Regeln gibt es kaum und nicht gerade wenige Menschen versuchen sich zum ersten mal in ihrem Verein, Unternehmen etc. an digitalen Meetings und Veranstaltungen. Videochats haben dabei 3 Komponenten. Ton, Videobild und oft einen Textchat nebenbei. Das sind 3 Sachen die schief gehen können, schief gehen werden und zwar jeweils doppelt, beim Empfang UND beim Senden des Mediums. Macht 6 Problemfelder. Wird das Video weggelassen muss weder eine Kamera funktionieren, noch müssen Bilder anderer TeilnehmerInnen empfangen werden. Bleiben also 4 Fehlerquellen. Textchat empfangen und senden ist ein gelöstes Problem. Das funktioniert in allen möglichen Lösungen problemlos. Bleibt der Ton. Selber sprechen und das gesagte Wort anderer TeilnehmerInnen verstehen zu können. Das Problem ist nicht trivial aber lösbar, daher:

Lösung

Ganz einfach: Video einfach sein lassen. Es ist kaum ausgereift, kompliziert und Erwartung und Realität gehen weit auseinander. Am besten funktioniert ein Audiochat. Entweder eine Telefonkonferenz oder etwas wie Teamspeak oder Mumble. Computerspieler, bei denen geringer Ressourcenverbrauch bei Hilfssoftware wichtig ist, ebenso wie einfache Bedienbarkeit und das Bedienen der Chatsoftware “nebenher” (Die Leistung wird für das Spiel gebraucht, welches auch fast alle Tasten der Tastatur und die gesammte Bildschirmfläche einnimmt) Die Protokolle sind alt und sie sind lange erprobt, auch mit extrem vielen TeilnehmerInnen gleichzeitig.

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